Polizeidiener

aktualisiert am: 21. Dezember 2020

Immer informiert

Bis 1968 wurden in Dittigheim die neuesten Nachrichten noch persönlich, vom sogenannten Polizeidiener verkündet. Diese Aufgabe erfüllte von 1927 bis 1968 Franz Josef Weinig als einer der letzten seiner Zunft im Main-Tauber-Kreis. Bis zuletzt machte er sich trotz seines damals hohen Alters bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit mit Umhang, Mütze und Schelle auf den Weg durch den Ort und verkündete von Straße zu Straße notwendige Bekanntmachungen. Bis 1937 trug der verlängerte Arm der Gemeindeverwaltung sogar noch eine spezielle Uniform, deren Bestandteil sogar ein Säbel war. Dieser allerdings fand nach Kriegsende als Souvenir eines Besatzungssoldaten den Weg nach Amerika.

Dittigheim 1959: Ein Nachrichtendienst ganz besonderer Art

Es gab eine Zeit, in der die Nachrichten der Gemeinde tatsächlich persönlich verkündet wurden. Zu dieser – und für andere Aufgaben – gab es eine eigene gemeindeeigene Stelle: den sogenannten „Polizeidiener“.

Der Polizeidiener genoss stets höchste Aufmerksamkeit, wo er mit seiner Glocke auftrat, ließ man die Arbeit ruhen und lauschte Aufmerksam den neuesten Verkündigungen. Dazu wurden schlicht einfach die Fenster geöffnet oder man trat sogar vors Haus. Selbst die Dorfjugend umkreiste den Sprecher, um nichts zu verpassen.

„Wir Kinder reihten uns in die Schar der Neugierigen ein oder zogen ein Stück mit, nicht weil uns der Inhalt, den wir ohnehin kaum verstanden, so doch das geradezu hoheitliche Ritual in seinem regelmäßigen Ablauf faszinierte.“

Werner Krug

Zu den Nachrichten zählten nicht nur öffentlichen Bekanntmachungen, sondern auch formlose, z. B. zu welchem Zeitpunkt die Gemeinde Gift für die Mäusebekämpfung ausgibt. Auch das Filmprogramm, Vereinstermine und Veranstaltungen im Ort wurden kundgetan. Alles was nach Werbung klang wurde allerdings strikt untersagt.

Neben seiner Amtsaufgabe, trug Franz Josef Weinig zudem an Sonntagvormittagen auf der Rathaustreppe oder daheim, im Wohnhaus gegenüber der Schmiede Aschoff, am Fenster stehend, auf seiner Fiedel zur Unterhaltung der Zuhörer bei. Seine musikalischen Fähigkeiten waren geschätzt, er hatte sie von Jugend an gepflegt und sie vor und nach der Jahrhundertwende (1900) auch in einer Tanzkapelle im Saal des Gasthofes „Badischer Hof“ in der Nachbarstadt zum Besten gegeben

Polizeidiener Franz Weinig mit 77 Jahren im Februar 1964. Er war Polizeidiener von 1927-1968. Bild: Fränkische Nachrichten

Einzug der Technik: Die Ortssprechanlage

Es zeichnete sich ab, dass es nicht einfach war, Ausrufer für diese verantwortungsvolle Aufgabe zu finden. So hielt Anfang der 1960er Jahre auch in diesem Bereich – wie in den meisten Ortschaften – die Technik Einzug und es wurde eine Ortssprechanlage installiert. Diese wurde in den meisten Fällen, bis zur Eingemeindung, durch den Ratschreiber Herbert Hönninger und nur selten vom damaligen Bürgermeister Oskar Weinig bedient. Zur jeder Bekanntgabe spielte der Nachrichtensprecher eine Ankündigungsmelodie aus Tschaikowskis „Fanfaren aus Capriccio Italien, Opus 45“ dreimal hintereinander von einer Single-Vinylschallplatte, bevor er mit dem Satz „Achtung, Achtung es folgt eine Durchsage ……“ die Nachrichtenverkündung eröffnete.

Wie das Ganze geklungen hat, kann man sich auf dem folgenden Video der Gemeinde Hügelheim anhören, wobei wie bereits erwähnt, dieses Intro dreimal abgespielt wurde.
https://youtu.be/k8VBrxNo86Y

Die Sprecheinrichtung der Ortsrufanlage die sich in einem Rathauszimmer befand, wurde einfach nach Bedarf bedient. Nachrichten gingen per Zetteleinwurf in den privaten Briefkasten des Ortsvorstehers oder durch Telefonanruf bei diesem ein. Die neue Anlage bot neben der Bekanntgabe der Neuigkeiten, die Raffinesse, dass ganze Veranstaltungen damit übertragen werden konnten – also auch musikalische Darbietungen. So konnten bzw. mussten auch diejenigen lauschen, die nicht persönlich anwesend sein konnten. Die Übertragung von Musik, z. B. bei Trauer- oder Hochzeitsfeiern wurden aber mit gemischten Gefühlen entgegengesehen.

Die Ortsrufanlage wurde bis ca. 1993 zuletzt vom damaligen Ortsvorsteher, Kurt Wöppel, selbst betrieben. Sie stellte einen wichtigen Kanal – auch für kurzfristige Bekanntgaben dar. Z. B. konnten über diese kurzfristige Vereinsversammlungen einberufen werden. So gab es beim Abbau der Rufanlage großen Protest von den Vereinen, die nun Ihre Veranstaltungen langfristig planen mussten, da sie von nun an auf Ankündigungen im Gemeindeblatt angewiesen waren.

Weitere Nachrichten waren z.B. der Verkauf von Junghennen „ab sofort“ auf dem Rathausplatz oder die Sammlung von Altkleidern. Auch Notmeldungen waren zu hören, wie z. B. ein vermisstes Kind, das allerdings gegen Abend von einem aufmerksamen Anwohner spielend im Hof aufgefunden wurde. Der Ortsvorsteher scheute selbst keine Mühe, eine entlaufene Katze der Nachbarin per Ortsrufanlage auszurufen, um sie dann – wieder zu Hause – im eigenen Keller aufzufinden.

Beim weiteren Ausbau des Neubaugebiets, Veränderungen im Ortskern und durch den ohnehin fehlenden Anschluss von Hof Steinach gab es Widerstände und man hat sich gegen einen weiteren Betrieb entschieden. So wurde die Anlage auch im Ort abgebaut – nur hier und da können aufmerksame Beobachter noch den ein oder anderen verrosteten Lautsprecher entdecken. Danach kam das Ortsblatt von Dittigheim, das wöchentlich verteilt wurde.

Ortssprechanlage, ab Ende der 1960er Jahre bis ca. Mitte der 1970er Jahre in Betrieb, Bild: Alex Gaab

Von der Trompete bis zur Sirene

Zu Zeiten des Polizeidieners wurde das Einsatzkommando für die Feuerwehr übrigens durch einen Feuerwehrmann mit Trompete erteilt, der von Straße zu Straße eilte und mit seinem speziellen Feuerwehrruf die Wehrmänner zum Einsatz rief. Bevor die ortseigene Feuerwehrsirene auf dem Rathausdach installiert wurde hat man über die Rufanlage auch zu Feuerwehrübungen und Einsätzen aufgerufen.


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