Schuhmacher Emil Hauck

aktualisiert am: 06. Mai 2021
Schuhmacher

In der Unteren Torstraße, auch als Hauptstraße bezeichnet, befand sich das Blechnerei- und Installationsgeschäft Schimpf, das bereits vor dem letzten Krieg von Gottfried Schimpf gegründet und danach von seinem Sohn Manfred fortgeführt wurde. Dessen Schwester Hanna, verheiratete Hauck, betrieb im Untergeschoss einen kleinen Lebensmittelladen, während ihr Mann Emil im Dachgeschoss, also oberhalb der Blechnerei, in einem kleinen Raum ein Schuhmachergeschäft unterhielt.

„Für uns Nachbarkinder – meinen Vetter Franz und mich – waren die Haucks wegen ihrer Kinderfreundlichkeit die „Tante Hanna“ und der „Onkel Emil“.

Erstere, weil sie uns oft mit himbeerförmigen Bonbons aus dem großen dicken Glas versorgte, zu Onkel Emil zog es uns immer wieder wegen seiner netten Art, lustige Geschichten zu erzählen.“

Werner Krug

Der Weg zu ihm war etwas beschwerlicher als zu seiner Frau Hanna, deren Laden in nur wenigen Stufen von der Straße aus zu erreichen war. Um zu ihm nach oben zu gelangen bestieg man eine relativ lange enge Steintreppe – hinauf ins nächste Stockwerk, wo die Tätigkeiten und der Lärm der Blechnerei Schimpf an schweren Maschinen, das ganze Obergeschoss ausfüllte. Durch den großen Werkstattraum und um die Maschinen herum gelangte man am linken Ende des Raums – dem Mühlbach zu – über ein paar hölzerne Treppenstufen in die stille und enge Kammer des Schuhmachers Emil Hauck. 

Dort empfing die Kunden eine heimelige und doch geheimnisvolle Welt, bestehend aus einer eigenartigen Mischung von seltsamen Geräten zur Schuhreparatur, Regalen mit Lederstücken und Schuhen, einer wuchtigen Werkbank voll von Werkzeugen, Leimdosen, einer Ledernähmaschine, Schleifgerät und viel Spannendes mehr. All diesem verlieh das spärlich einfallende Licht eines einzigen Dachfensters eine geheimnisvolle Stimmung, gewürzt mit den unterschiedlichsten und eigentümlichsten Gerüchen der Inhalte dieser faszinierenden Kammer. Mitten in dieser Vielfalt arbeitete Emil Hauck auf einem dreibeinigen Hocker, wie man ihn auch in den umliegenden Kuhställen zum Melken benutzte.

Mit breitem gutmütigem Lächeln nahm er sich stets die Zeit, der Neugierde der Nachbarskinder mit allerlei Vorführungen seiner Tätigkeit gerecht zu werden. Sie durften miterleben, wie geschnitten, genäht, geklebt, geklopft und geschliffen wurde und dazwischen fand er noch Zeit, lustige Geschichten mit verschmitzter Mimik zum Besten zu geben.

„Auch nach gut sieben Jahrzehnten leuchtet mir sein gutmütiges Gesicht mit den roten Backen aus jener fernen Dämmerung seiner Schuhmacherei entgegen. 

An eine spätere Begebenheit mit ihm kann ich mich ebenfalls noch erinnern.  Es ist bis heute eines der Höhepunkte der deutschen Fußballgeschichte, die sich gleichsam als nationale Wiedergeburt in der Nachkriegszeit gestalten sollte. 1954 errang in Bern die deutsche Fußballnationalmannschaft in einem aufregenden Spiel gegen Ungarn den Sieg zur Weltmeisterschaft.

Mein Vater und ich hörten uns bei Onkel Emil (er hatte seine Werkstatt mittlerweile mit einem Röhrenradio medial aufgerüstet) jenen geradezu schicksalhaften Fußballkrimi an. Kurz vor dem Abpfiff übertönte die sonst so stille Kammer sogar noch die geräuschvolle Blechnerei draußen und mir blieb zeitlebens das Aufspringen der beiden und der Aufschrei in Erinnerung:

„Tooor, Tooor, Tooor“!

Werner Krug

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Kommentar

  • Konnte man bei ihm auch Schuhe / Lederartikel oder andere Produkte aus eigener Fertigung oder Fermdfertigung kaufen und anfertigen lassen?
    Wie viele Paar Schuhe hatten die Leute in Durchschnitt?
    Wie lange nutze man diese?
    Wurden diese vererbt / oft repariert?

    Wer und wo war Schuhmacher Anton Reichel (ca. 1945-1970) Untere Torstraße 20?

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